Tokenisierung: Warum die Finanzrevolution nur langsam Fahrt aufnimmt

tokenisierung
Tokenisierung, die Umwandlung von Rechten oder Anteilen an Vermögenswerten in digitale Token auf einer Blockchain, verspricht, die Art und Weise, wie wir über Eigentum und Investitionen denken, zu revolutionieren. Trotz ihres enormen Potenzials entwickelt sich die Tokenisierung jedoch langsamer als erwartet. Dieser Artikel untersucht die Gründe für diese zögerliche Entwicklung und bietet Einblicke in die Herausforderungen und Möglichkeiten der Tokenisierung.

 

Auf einen Blick

  • Marktpotenzial: Die Boston Consulting Group prognostiziert, dass bis 2030 Werte von bis zu 16 Billionen USD tokenisiert werden könnten.
  • Herausforderungen: Die Tokenisierung steht vor technologischen und regulatorischen Herausforderungen, Handels- und Liquiditätsproblemen, sowie einer Skepsis bezüglich der Praktikabilität und Wirtschaftlichkeit.
  • Möglichkeiten: Tokenisierung kann den Zugang zu Vermögenswerten demokratisieren, bringt Transparenz und Sicherheit und kann für Effizienzsteigerungen und Kostensenkungen sorgen.

 

In der Tokenisierung von Vermögenswerten, insbesondere in der Asset-Tokenisierung wird ein enormes Potenzial gesehen. Eine Studie von Cashlink unterstreicht die signifikanten Effizienzvorteile der Blockchain-Technologie. In der Untersuchung wurden erstmals konkrete Zahlen erhoben und Berechnungen durchgeführt, wobei ein Einsparpotenzial von bis zu 85 Prozent der Backend Kosten möglich sein soll. Das Backend macht etwa 50 Prozent der Gesamtkosten von Asset-Management und Asset-Custody aus. Die offensichtlichen Effizienzpotenziale der  Tokenisierung, werfen Fragen auf bezüglich der langsamen Implementierung und Akzeptanz dieser Technologie, trotz der klaren wirtschaftlichen Vorteile.

Was ist Tokenisierung?

Um die Gründe für die relativ langsame Adaption der Tokenisierung zu untersuchen, ist es zunächst notwendig, ein Verständnis dafür zu entwickeln, was Tokenisierung eigentlich ist. Die BaFin definiert Tokenisierung als „die digitalisierte Abbildung eines (Vermögens-)Wertes inklusive der in diesem Wert enthaltenen Rechte und Pflichten sowie dessen hierdurch ermöglichte Übertragbarkeit1vgl. BaFin Tokenisierung ist also der Prozess, bei dem Rechte oder Anteile an einem realen oder digitalen Vermögenswert in einen digitalen Token umgewandelt werden. Diese Token fungieren als eine Art digitales Zertifikat, das den Anteil oder das Eigentumsrecht an dem zugrunde liegenden Asset repräsentiert, sei es eine Immobilie, ein Kunstwerk, Anteile an einem Unternehmen, traditionelle Finanzinstrumente wie Aktien oder sogar geistiges Eigentum.

Rechtliche Einordnung

Die Regulierung digitaler Vermögenswerte stellt sowohl für nationale Behörden als auch für internationale Organisationen eine Herausforderung dar. Einerseits sollen Investoren vor Betrug und Marktmanipulation geschützt werden, andererseits soll die Innovationskraft dieser Technologie nicht gehemmt werden. In Deutschland wurde mit dem elektronischen Wertpapiergesetz (eWpG) ein bedeutender Schritt zur Integration digitaler Vermögenswerte in das bestehende Finanzsystem gemacht. Dieses Gesetz ermöglicht die Ausgabe elektronischer Wertpapiere, die auf DLT- bzw. Blockchain-Technologie basieren, und schafft somit eine rechtliche Grundlage für die Tokenisierung traditioneller Finanzinstrumente. Parallel dazu hat die Europäische Union mit der Einführung der Markets in Crypto-Assets Regulation (MiCAR), einen umfassenden Regulierungsrahmen für Krypto-Assets und damit verbundene Aktivitäten eingeführt. Die Verordnung wurde am 09. Juni 2023 im Amtsblatt der europäischen Union veröffentlicht und ist am 29. Juni 2023 in Kraft getreten. Die Regelungen sind ab dem 30.12.2024 anwendbar.

krypto regulierungen

Vorreiter USA

„In particular, the tokenization of asset classes offers the prospect of driving efficiencies in capital markets, shortening value chains and improving cost and access for investors“ Larry Fink, Vorstandsvorsitzender BlackRock2vgl. theblock.co

Im vergangenen Jahr haben Real World Assets (RWA) auf der Blockchain bei großen US-Finanzinstituten stark an Bedeutung gewonnen. Amerikanische Banken sehen in der Tokenisierung traditioneller Vermögenswerte wie Aktien, Anleihen, Immobilien und Finanzprodukten auf der Blockchain einen Multibillionen-Markt. Citicorp identifiziert die Tokenisierung von RWA als entscheidenden Katalysator für die Einführung von Kryptowährungen. Die Bank prognostiziert, dass bis 2030 enorme Volumina in verschiedenen Bereichen tokenisiert werden könnten: 1.900 Mrd. USD in Nicht-Finanzschulden, 1.500 Mrd. USD in Immobilienfonds, 700 Mrd. USD in privatem Beteiligungskapital, sowie jeweils 1.000 Mrd. USD in Wertpapier- und Handelsfinanzierungen.3vgl. Citi – Money, Tokens, and Games Diese Prognose erscheint fast konservativ im Vergleich zu den Erwartungen der Boston Consulting Group, die bis 2030 eine Bewertung von nahezu 16.000 Mrd. USD vorhersagt 4vgl. Boston Consulting Group – ein enormer Sprung im Vergleich zur aktuellen Marktkapitalisierung des gesamten Kryptomarktes von ca. 1.000 Mrd. USD

Tokenisierung
Die Tokenisierung globaler illiquider Vermögenswerte wird bis 2030 auf 16 Billionen Dollar geschätzt. Quelle: BCG

Im Jahr 2024 befindet sich die Tokenisierung noch in einem relativ frühen Stadium, vor allem in Europa. Auch wenn immense Potenziale mit Tokenisierung einhergehen, verläuft die bisherige Entwicklung nur langsam, da noch einige Hürden überwunden werden müssen.

Herausforderungen

1. Technologische und regulatorische Herausforderungen

Technologisch erfordert die Tokenisierung eine neue Marktinfrastruktur und damit eine umfassende Überarbeitung bestehender Finanzsysteme, um sie mit Blockchain-Technologie zu integrieren. Diese Integration ist nicht nur komplex, sondern erfordert auch ein tiefes Technologieverständnis, was eine große Herausforderung für bestehende Finanzinstitutionen darstellt, die das entsprechende Know-How oft nicht haben. Auf der regulatorischen Seite befindet sich die Gesetzgebung in vielen Ländern noch in einem Anfangsstadium. Es fehlt an klaren Richtlinien und Standards, was Unsicherheit schafft und die Entwicklung hemmt.

Die Einführung von Digital-Asset-Angeboten unter der „Markets in Crypto-Assets (MiCA)“-Regulierung der EU erfordert u.a. eine strikte Einhaltung von Geldwäscheregelungen, insbesondere die Kenntnis der Kunden (KYC), ihrer Wallets und Transaktionen. Westeuropäische Länder und die EU gelten in Sachen AML-Compliance als führend, angesichts der fehlenden globalen Standards bleiben aber Herausforderungen bestehen. Für Anbieter digitaler Assets (VASPs) ist vor allem die Einhaltung der „Travel Rule“ der FATF von Bedeutung. Die Umsetzung dieser Regel erfordert von VASPs  detaillierte Informationen über Transaktionen von Nutzern zu erfassen und auszutauschen.

2. Handels- und Liquiditätsprobleme

Die Tokenisierung sieht sich mit erheblichen Handels- und Liquiditätsproblemen konfrontiert, die ihre breitere Akzeptanz und Anwendung erschweren. Eine der Hürden ist die Schaffung eines robusten Sekundärmarktes für tokenisierte Vermögenswerte. Ohne einen solchen Markt ist die Handelbarkeit und Liquidität dieser Vermögenswerte stark eingeschränkt, was Investoren abschreckt. Darüber hinaus ist die Preisfindung für tokenisierte Vermögenswerte, insbesondere für jene, die traditionell als illiquide gelten, wie Infrastrukturprojekte oder Private Equity, eine große Herausforderung. Ohne klare und transparente Preisfindungsmechanismen ist es schwierig, angemessene Marktbedingungen für den Handel dieser Assets zu schaffen. Die Schaffung einer effizienten und liquiden Handelsumgebung für tokenisierte Vermögenswerte bleibt ein zentrales Hindernis, das es zu überwinden gilt.

3. Skepsis bezüglich der Praktikabilität und des ökonomischen Nutzens

Viele Marktakteure sind sich unsicher über die praktischen Vorteile der Tokenisierung und hinterfragen deren reale Anwendungsfälle. Die Frage, wie Tokenisierung tatsächlich zu Effizienzsteigerungen beitragen kann, bleibt oft unbeantwortet, insbesondere in den frühen Entwicklungsstadien. Eine zentrale Herausforderung liegt in der Natur der Blockchain als Shared-Plattform, die dazu führt, dass Kostenvorteile tendenziell an die Endkunden weitergegeben werden müssen, anstatt direkte Profitsteigerungen für einzelne Unternehmen zu erzeugen. Dies, zusammen mit der Notwendigkeit, Anfangsinvestitionen zu amortisieren, kompliziert die Wirtschaftlichkeit für Unternehmen. Darüber hinaus führt die Aussicht, dass große Player ihre aktuellen Wettbewerbs- und Kostenvorteile verlieren, sobald sie auf eine gemeinsam genutzte Plattform wechseln, zu einem strategischen Dilemma. Diese Situation erschwert insbesondere für etablierte Unternehmen die Entscheidung, in eine gemeinsame Blockchain-Plattform zu investieren, da dies ihre Marktposition schwächen könnte, indem auch kleineren Akteuren Zugang zu denselben Effizienzgewinnen ermöglicht wird.

4. Transparenz

Eine weitere Hürde, die es bei der Tokenisierung zu überwinden gilt, ist das Thema Transparenz, insbesondere bei der Nutzung öffentlicher Blockchains wie Ethereum. Die Offenheit solcher Blockchains bedeutet, dass Daten für jeden einsehbar sind, was zu Bedenken hinsichtlich der Privatsphäre und des Schutzes sensibler Unternehmensinformationen führt. Es könnten spezifische Aktivitäten und Transaktionen von Unternehmen von Außenstehenden nachvollzogen werden. Dieses hohe Maß an Transparenz, obwohl es für die Förderung von Vertrauen und Integrität innerhalb der Blockchain-Technologie entscheidend ist, stellt für viele Unternehmen ein Problem dar. Einerseits ermöglicht es eine bisher unerreichte Nachvollziehbarkeit von Transaktionen, andererseits birgt es die Gefahr, Geschäftsgeheimnisse und strategische Informationen preiszugeben.

5. Bildung und Verständnis

Viele Menschen sind noch nicht ausreichend mit den Konzepten der Blockchain und Tokenisierung vertraut. Dieses mangelnde Verständnis führt zu Vorbehalten und Verzögerungen bei der Adaption. Die Schulung von Schlüsselpersonen in traditionellen Finanzinstitutionen ist entscheidend, um die Vorteile der Tokenisierung vollständig zu verstehen und vorantreiben zu können.

Potenziale und Vorteile der Tokenisierung

Die Tokenisierung steht zwar vor zahlreichen Herausforderungen, aber ihr Potenzial zur Transformation der Finanzwelt bleibt unbestritten. Im Folgenden sollen die vielfältigen Vorteile und Potenziale der Tokenisierung beleuchtet werden.

1. Effizienzsteigerung und Kostensenkung

Die Finanzbranche könnte durch Tokenisierung große Effizienzsteigerungen und Kostensenkungen erleben. Der Handel und die Verwaltung von Vermögenswerten ist heute noch sehr von manuellen Prozessen und aufwendigen Abwicklungen geprägt, die durch Tokenisierung automatisiert werden können. Transaktionen und Eigentumsübertragungen können dann nahezu in Echtzeit und mit deutlich reduzierten Transaktionskosten erfolgen. Emissions-, Settlement- und Clearingprozesse werden insgesamt deutlich effizienter. Dadurch können auch Werte als Wertpapier bzw. Token abgebildet werden, für die bestehende Infrastruktur bisher zu teuer und ineffizient war. Diese Effizienzsteigerungen resultieren nicht nur in Kosteneinsparungen, sondern tragen auch zur Beschleunigung des gesamten Finanzsystems bei, was letztlich allen Marktteilnehmern zugutekommt.

2. Demokratisierung des Zugangs zu Vermögenswerten

Die Tokenisierung trägt wesentlich zur Demokratisierung des Zugangs zu Vermögenswerten bei, indem sie es ermöglicht, traditionell illiquide und unzugängliche Vermögenswerte zu fraktionieren und einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Das eröffnet Kleinanlegern und mittleren Marktakteuren die Möglichkeit, in Anlageklassen zu investieren, die zuvor großen institutionellen Investoren oder sehr vermögenden Privatpersonen vorbehalten waren. Beispielsweise können durch die Tokenisierung von Immobilien Anteile an diesem Vermögenswert in kleineren, erschwinglicheren Einheiten angeboten werden. Dies steigert die Möglichkeiten für Investoren, zu diversifizieren und das Risiko zu streuen. Darüber hinaus verbessert die Tokenisierung die Liquidität dieser Vermögenswerte, indem sie leichter handelbar gemacht werden.

3. Transparenz und Sicherheit

Der Finanzmarkt bekommt durch Tokenisierung ein neues Maß an Transparenz und Sicherheit. Durch die unveränderliche und dezentrale Natur der Blockchain wird eine transparente und nachvollziehbare Aufzeichnung aller Transaktionen und Eigentumsübertragungen ermöglicht. Dies reduziert die Möglichkeiten für Betrug und Manipulation, und stärkt das Vertrauen der Investoren. Darüber hinaus ermöglicht die Tokenisierung eine genauere und effizientere Überwachung und Verwaltung von Vermögenswerten, da alle relevanten Informationen auf der Blockchain gespeichert und jederzeit abrufbar sind. Besonders in Schwellenmärkten, in denen Investoren wenig Vertrauen in politische Akteure haben, könnten diese Zugewinne an Transparenz und Sicherheit die Vertrauenswürdigkeit und Integrität von Vermögenswerten stärken.

4. Globaler Marktzugang

Die Tokenisierung erweitert den globalen Marktzugang zu verschiedenen Vermögenswerten und schafft eine Brücke zwischen lokalen und internationalen Investoren. Durch die Umwandlung von Vermögenswerten in digitale Token auf einer Blockchain wird es möglich, diese weltweit zu handeln, was insbesondere für Anlageklassen wie Immobilien, Kunstwerke oder Unternehmensanteile eine neue Dimension eröffnet. Dies ermöglicht es Investoren aus aller Welt, in Märkte einzutreten, die zuvor aufgrund von geografischen oder regulatorischen Beschränkungen unzugänglich waren. Diese globale Zugänglichkeit führt zu einer erhöhten Liquidität und einem erweiterten Anlegerkreis.

Fazit und Ausblick

Die Tokenisierung steht zwar noch am Anfang, hat aber großes Potenzial, die Finanzwelt zu revolutionieren. Die Herausforderungen sind vielfältig, aber mit fortschreitender Entwicklung und besserem Verständnis der Technologie könnten diese überwunden werden. Es ist wahrscheinlich, dass die Tokenisierung in den kommenden Jahren zunehmend an Bedeutung gewinnen wird, insbesondere wenn die technologischen und regulatorischen Rahmenbedingungen weiter ausgereift sind.

Die langsame Adaption der Tokenisierung sollte nicht als Zeichen ihres Scheiterns gesehen werden, sondern vielmehr als ein Zeichen dafür, dass eine sorgfältige und durchdachte Herangehensweise erforderlich ist, um ihr volles Potenzial zu entfalten. In Zukunft könnte die Tokenisierung zu einem wesentlichen Bestandteil der globalen Finanzlandschaft werden, indem sie Transparenz, Effizienz und Zugänglichkeit erhöht.

Quellenverzeichnis

Tokenisierung: Warum die Finanzrevolution nur langsam Fahrt aufnimmt

Inhaltsverzeichnis

Nichts mehr verpassen
mehr lesen
Deutsche Banken und ihre Kryptostrategie
Die kürzliche Zulassung des ersten Spot-Bitcoin ETFs in den USA hat auch in Deutschland das Interesse an Blockchain und Kryptowährungen...
Die letzten Jahre sind wie im Flug vergangen, jetzt freuen wir uns auf die nächsten Projekte......
Bitcoin Spot ETF
Bitcoin und der gesamte Kryptomarkt befinden sich an einem potenziell historischen Wendepunkt, sollte ein Spot Bitcoin Exchange-Traded Fund (ETF) genehmigt...
ready for take-off
banking
payment
krypto

bringing digital experience to the banked

In Deutschland genießen immer noch zu wenige Menschen die Vorteile von digitalen Finanzdienstleistungen. Ob Banking, Payment oder Krypto, digit.cologne widmet sich der digitalen Transformation von Finanzdienstleistern.

Wir sind überzeugt: Banking kann besser und digitaler sein. Bei digit.cologne gestalten wir die Zukunft des Bankings, um sicherzustellen, dass unsere Kunden in einer zunehmend digitalisierten Welt die bestmögliche Erfahrung machen.

founders, leaders & experts

Ob klassisches Banking, Payment oder Krypto, wir sind erfahrene Experten aus unterschiedlichen Branchen und sind von innovativen Finanzdienstleistungen begeistert. Wir sind nicht nur Enthusiasten, sondern bringen im Schnitt mehr als 15 Jahre Berufserfahrung und Beteiligungen an zahlreichen Digitalisierungsprojekten mit.

Bei digit.cologne kommen wir zusammen, um Banken auf ihrem Weg durch digitale Transformationsprozesse zu begleiten.

Tobias Ehret
Geschäftsführer
Leonhard Walter
Consultant
Joshua Olbrich
Consultant
Moritz Braun
Consultant
alexander stankoswki
Alexander Stankowski
Consultant
Tobias Ehret
Geschäftsführer
Leonhard Walter
Consultant
Moritz Braun
Consultant
Joshua Olbrich
Consultant